Da ist etwas und ich halte es für ein Furunkel. Schockschwerenot. Wie dreist von diesem Körper, zack, da drängt er sich wieder auf, und weglaufen kann ich auch nicht, denn er kommt einfach ungefragt mit. Dieser Körper mit diesem Furunkel. Grund genug für die Grunderkenntnis: Mein Körper ist peinlich.
Natürlich ist mein Körper auch schön. Sehr schön sogar, perfekt geradezu in seiner Imperfektion. Dafür bin ich schließlich Feministin genug!
Aber diese Peinlichkeit. Manche Körperteile sind zum Glück weniger peinlich, meine Zehennägel zum Beispiel, zu denen ich ein ganz natürliches, ungezwungenes Verhältnis habe, denen ich sogar alberne Spitznamen geben könnte, ohne dabei rot zu werden. Schamlos trete ich auch, scharf argumentierend, gegen eine Regulation von Körperpraxen ein: Alle dürfen sich Haare stehen lassen und wegrasieren, wo und wie lang auch immer sie wollen, masturbieren, wann immer sie Lust dazu haben, und es lassen, wenn sie keine Lust dazu haben, Händchenhalten als selbstverständliche Geste oder als sexuell aufgeladene Intimität empfinden,… Körper sind nicht nur zum Funktionieren da und der verdammte von niemandem erreichte Normkörper gehört dekonstruiert.
Das Furunkel ist trotzdem da, es stört die Funktionstüchtigkeit des Körpers, wieso schreit es denn bloß so rum, so unkontrollierbar, das freche Teil?! … Übergriffigen Leuten zu sagen, dass eine Glatze keine Einladung für fremde Menschen ist, mich ohne zu fragen am Kopf anzufassen, schaffe ich nach wie vor nur in „scherzhaftem“ Tonfall, diese meine Hände rasieren diese meine Beine immer wieder, obwohl ich das eigentlich nicht will, und diese Masturbationssache, eieiei, und dieses Rumstehen, wenn ich mich in meinem Körper unsicher fühle, voll konzentriert darauf, so auszusehen, als würde ich mich sicher fühlen ---
Woher habe ich denn bloß diesen ganzen Unsinn? Nicht mal auf Mädchenzeitschriften kann ich das schieben, als deren Lektüre vorgesehen war für das, was man normale Entwicklung nennt, fühlte ich mich darüber erhaben und las Micky Maus, denn Reife war schon immer etwas, was mich gegenüber meinen Altersgenoss_innen auszeichnete.
Nach wie vor trägt die Lektüre wertvoller Texte zu meinem inneren Wachstum bei. Hingegen wird mein äußeres Wachstum von anderen Faktoren bestimmt. Der aufmerksamen Leser_in wird nicht entgangen sein, dass sich dieses wachsende Furunkel für mich zu einem Problem auswächst. Weil es ja schließlich nicht angehen kann, dass mein Körper einfach selbstständig und ohne um Erlaubnis zu fragen agiert, am Ende gar Bedürfnisse anmeldet, die respektiert oder gar erfüllt werden wollen! Ey, Körper, altes Haus, so läuft’s nicht!
Dann wieder rede ich mir vor dem Spiegel ein: Ach, eigentlich ist er ja doch ein ganz guter Bodybuddy, und zusammen können wir eigentlich ’nen Haufen Spaß haben. Vielleicht sollten wir, Körpi und ich, also einfach Hand in Hand durch die Welt laufen, ungehemmt und frei. Das wär‘ doch ’ne runde Sache… Und auch für dieses Furunkel lässt sich eine Lösung finden: Ich werde es einfach aussitzen. Und zwar am besten so, dass niemand etwas von seiner Existenz erfährt. Denn das würde das Bild meines freien, glatten Körpers doch wirklich unnötig stören.



