Zugfahrten

In letzter Zeit bin ich viel Zug gefahren, in echt und in unecht. Es ist schön da, im Zug, und manchmal auch anstrengend, wenn man weder hier noch dort ist oder die verdammten Fenster sich nicht öffnen lassen oder sich Dinge ereignen, die nicht zusammenpassen, oder das Klo verstopft ist.

Der Witz am Zugfahren ist, man kommt irgendwann an. Zum Beispiel in Strizivojna-Vrpolje, wo es poetisch ist, denn auf den ersten Blick gibt es nichts, außer Züge – nach Belgrad, Sarajevo, Zagreb, Ljubljana, Budapest. Und plötzlich regnet es wie aus Kannen und pladdert und prasselt und danach scheint, plötzlich, wieder die Sonne, und wenn man das so hinschreibt, wirkt es billig, aber es ist passiert.

Erster Aufzug. Durchzug.
Pass auf dich auf. Deine Haare sind ja noch nass. Und das bei diesem Durchzug. Wir leben in einer kaputten Gesellschaft, aber das ist doch kein Grund, sich zu erkälten, sei nicht so leichtsinnig. Achte auf dein Köpfchen in dieser Gesellschaft, wenn es von allen Seiten zieht!

Zweiter Aufzug. Im Aufzug.
Nach oben. Höher, schneller, weiter, besser, dünner, sexier, günstiger, erfolgreicher, billiger, deutscher, zügiger, heißer, kälter, mehr! Das Hochhaus hat viele, viele Stockwerke und nur einen Aufzug. Und eine Treppe in den Keller: alternativer, origineller, fanciger, undergroundiger, kälter, heißer, mehr!

Dritter Aufzug. Am Zug.
Du bist am Zug. – Echt? Aber ich weiß doch gar nicht, was ich tun soll. – Ach komm, sei kein Schluffi, jetzt zieh schon. – Ich weiß nicht. Entscheide du für mich. – Aber so macht das Spiel doch gar keinen Spaß. – Na und.

Vierter Aufzug. Ziehen.
Kann ich einen Zug von deiner Zigarette? Ach, Entschuldigung, ich bin ja Nichtraucherin. Manchmal vergesse ich aus Versehen, welchen Gruppen ich angehöre. Kommt nicht wieder vor. Ich will ja nicht dein Bild von mir durcheinanderwerfen, und erst recht nicht mein Bild von mir… Aber falls du’s mal brauchst – ja, ich habe Feuer.

Fünfter Aufzug. Beziehen.
Die Züge rattern lärmend am Fenster vorbei und du hast deswegen ganz laut geträumt. Sie rattern und pfeifen und rattern und morgen rattern wir beide in getrennte Richtungen davon. Bei mir der Impuls, das Fenster zuzumachen, damit wir lieber in unserem eigenen Muffel leise träumen können, anstatt schon heute dieses Rattern hören zu müssen…

Sechster Aufzug. Den gibt’s ja eigentlich gar nicht.
Der Zug ist abgefahren. Und was, wenn er doch nur Verspätung hat?

Manchmal verstehe ich nur Bahnhof. Dann fahre ich los. Theoretisch gern auch ohne, praktisch immer mit Gepäck.

Der Witz am Zugfahren ist, irgendwann kommt man irgendwo an. Zum Beispiel in Strizivojna-Vrpolje.


2 Antworten auf „Zugfahrten“


  1. 1 nastasia 11. Oktober 2011 um 16:21 Uhr

    hej, ist für die gierigen leserinnen der zug schon abgefahren? wieso ist hier funkstille? mehr! ich will mehr!

  2. 2 daniel 16. Oktober 2011 um 19:19 Uhr

    true

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