Zur guten Nacht. 4u.

Abends:

Es regnet schon wieder, ich mache das Fenster zu. „Du gehst nicht in diese Pfütze, Helena-Ashley, du hast deine weiße Hose an!“, das habe ich heute auf der Straße gehört. Ich bin ja selber wahrscheinlich auch nicht immer eine kinderfreundliche Umgebung, aber ob ich so schlimm „fürsorglich“ bin wie die? Dann war noch so ein ekliger Typ in der U-Bahn, er hat das Einsteigen eines Motzverkäufers laut mit „Schon wieder so ein Idiot!“ kommentiert. Ich hab‘ nichts gesagt. Mich stattdessen still geärgert, dass ich nichts sage. Hab‘ an dich gedacht. Vor einem halben Jahr habe ich Knallteufel geschenkt bekommen, und ein paar geworfen, ich fand das jedes Mal übelst poetisch, so ein kleiner Funken im Dunkel, auf dem verdreckten Asphalt, ein kleiner Widerstand. Naja. Hab‘ ich dir heute schon gesagt, wie toll du bist, und hab‘ ich dir schon erzählt, was ich über Knäste geträumt habe? Der Regen macht mich ein wenig frustriert. Der Wind gefällt mir gut. Es ist schön, dass du da bist. Im Kopf erstelle ich ständig To-Do-Listen, ich muss damit aufhören. Kann mich kaum entspannen. Will Ruhe, will keinen Leistungsdruck, setz‘ mich selbst total unter Druck. Und hobbymäßig suche ich nach Alternativen zur Schuld, Schuldgefühle bringen so wenig. Muss vorm Einschlafen dringend noch was Fettiges essen, Fett macht jedes Essen attraktiver. Hat die Kotze im Roman eine metapoetische Funktion? Das haben wir heute diskutiert. Außerdem habe ich ein Faible für Pinguine entwickelt, obwohl mir normalerweise Tiere egal sind, kannst du mir diesen Wandel erklären? Historischem Wandel unterliegt auch das Konstrukt Osteuropa. Osteuropa geht spazieren. Wie lässt sich Dynamik graphisch darstellen, in Landkartenform? Das haben wir ausprobiert, haben politische Interventionen gebastelt. Vielleicht haben unsere Nachbar_innen eine Räumungsklage am Hals. Widerstand? Der Knallteufel küsst den Asphalt wach wie die Prinzessin die andere Prinzessin.

Abends, wannanders:

Fenster geputzt, morgen früh werde ich die Schlieren sehen. Habe Nachrichten über die Deutsche Bank gehört, versuche es auf meine weibliche Sozialisation zu schieben, dass ich sie nicht verstanden habe, müde Ausrede. Ich möchte aufhören, selbstironisch zu sein und trotzdem weiter über mich lachen können. Was hat mich in letzter Zeit tief berührt? Wieso überfordert mich diese Frage? Mein Körper hat mir gesagt, dass ich ’ne Pause machen soll, danke, Körpi. Denke an die Motzverkäuferin, die um Mitternacht in der U-Bahn die Zeitung so schwach und leise ansagte, dass sicher auch eine direkt neben ihr stehende Person nichts hätte verstehen können. Ich glaube, eine Packung Knallteufel hätte ihr überhaupt nichts gebracht. Neben meiner Packung Knallteufel auf dem Nachttisch steht ein Foto von dir, das gucke ich an. Auf dem Tisch daneben liegt eine Schachtel Pralinen, die ich geschenkt bekommen habe, und ein Plastekreiselspiel. Ich möchte damit aufhören, perfekt sein zu wollen. Schmachte dein Bild an. Brauche zur Zeit oft das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen. Bin etwas krank, mir ist disselig im Kopf. So viel Gewalt. Passivität finde ich bequem, und Passivität macht mich ungeduldig. Widerstand? Der Knallteufel küsst den Asphalt wach. Draußen regnet es schon wieder, ich wünsche dir eine gute Nacht und schlage einen Funken. Böller mag ich nicht.


1 Antwort auf „Zur guten Nacht. 4u.“


  1. 1 bping 27. September 2012 um 16:24 Uhr

    liebe autorin, wenn ich den text kommentieren will, erscheint eine anzeige zu „linksliberale haltung“. bedenklich? bedenklich.

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