Außenseiterin sein: zum Kotzen. Nie wieder Schule: yeah!

Eine meiner erfolgreichen Stories für gesellige Runden geht ungefähr so: „Früher in der Schule haben sie mich beleidigt, indem sie mich ,Waldlesbe‘ nannten. Da wussten sie ja wohl mehr über mich als ich selbst zu diesem Zeitpunkt, hahaha, höhöhö.“ Es tut total gut, mich jetzt vorrangig in Kreisen zu bewegen, in denen ich mit anderen freundschaftlich über so etwas lachen, mir die Geschichte aneignen kann und in denen „Lesbe“ bei Weitem kein Schimpfwort ist. Aber irgendwie ist es auch komisch, dass ich aus dieser Erinnerung eine „witzige Story“ gemacht habe. Ich kann nicht mehr genau rekonstruieren, wie die abwertend gemeinte Bezeichnung „Waldlesbe“ damals – als ich definitiv noch keine lesbische Identität und alles andere als ein selbstbewusstes Verhältnis zu meiner Sexualität hatte – auf mich gewirkt hat. Hilfreich war sie ganz bestimmt nicht. Wenn ich darüber nachdenke, merke ich, dass das, was ich in der Regel erzähle, nämlich „Ich hatte immer schon ein total offenes, tolerantes Umfeld, was Homosexualität betrifft“, wohl doch eine unvollständige Wahrheit ist, eine im Rückblick aus Selbstschutzgründen vielleicht hier und da ein wenig zurechtgebogene Wahrheit…

Aber eigentlich war die „Waldlesben-Episode“ auch eher ein Nebenschauplatz. Zur „Waldlesbe“ wurde ich erst in der 10. Klasse, als die schlimmste Außenseiterinnenzeit schon länger vorbei war – denn yeah, jetzt beleidigten mich nur noch ca. fünf Personen regelmäßig und nicht mehr ca. 25! Und noch viel wichtiger wahrscheinlich: Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits das Glück gehabt, außerhalb meiner Klasse Freund_innen zu finden, die z.T. sogar auf dieselbe Schule gingen wie ich und mit denen ich daher die Hofpausen verbringen konnte! Auf der Klassenfahrt gegen Ende der 10. Klasse habe ich es übrigens sogar geschafft, mir richtige Anerkennung von allen Mitschüler_innen zu „verdienen“ (das ist hier wohl tatsächlich die passende Wortwahl). Mit einer erstaunlich einfachen Strategie, die ja in allen möglichen Kreisen ganz gut funktioniert: zusammen mit den anderen besaufen.

Blättern wir ein paar Jahre zurück: 1. Halbjahr der 7. Klasse. Das ist jetzt 15 Jahre her. Ich weiß, dass es irgendwo einen Brief geben muss, in dem ich in dieser Zeit einige der Erfahrungen mit meiner Klasse beschrieben habe – noch immer fühle ich mich innerlich nicht dazu bereit, diesen Brief zu suchen und mich mit den genauen Erinnerungen und meiner damaligen Wahrnehmung dieser Erfahrungen zu konfrontieren. Aber vor meinem inneren Auge sehe ich mich noch allein, mit einem Buch in der Hand, auf dem Schulhof stehen – wo ich nicht mal wenigstens allein gelassen wurde, denn wozu in Ruhe lassen, wenn auch aktives Fertigmachen als Option besteht…Unter Anderem wurde mir von meinen Mitschüler_innen massiv vermittelt, dass ich eklig sei. Das schreibt sich leicht auf, und gleichzeitig erschrecke ich beim Aufschreiben darüber. Manchmal möchte ich meinem damaligen Ich auf die Schulter klopfen: „Wow, bist du stark, dass du das alles ausgehalten hast!“. Manchmal möchte ich dieses vergangene Ich aber auch schütteln und rufen: „Wieso bist du eigentlich so verdammt überzeugt davon, dass man das nicht ändern kann und dass du da ,einfach durch‘ musst?!“.
Irgendwann führte unsere Sportlehrerin mit uns ein Gespräch anstatt Unterricht zu machen. Das Thema war ich. Irgendwann in dem Gespräch musste ich weinen (eine Blöße, die ich mir sonst niemals zu geben versuchte), eine Mitschülerin (Mobbing-Mitzieherin, nicht -Anführerin) brachte mir Klopapier zum Tränentrocknen. Das weiß ich noch heute ziemlich genau und das Gespräch hat merkwürdigerweise tatsächlich etwas gebracht. Es wurde danach nicht gut, aber spürbar besser. (Mein Anspruch war zu diesem Zeitpunkt aber wahrscheinlich auch nicht mehr sehr hoch.) Noch „besser“ wurde es, als in der 8. Klasse ein neuer Schüler dazu kam, der mich auf Platz 1 im Ranking „beliebtestes Opfer“ ablöste…

Blättere ich noch weiter in der Zeit zurück, finde ich da Erinnerungen an eine Klassenfahrt in der 5. Klasse (ganz andere Menschen, Grundschule). Eine Schülerin wurde von der Gruppe fertig gemacht, und das war nicht ich. Ich stand in dem Fall auf der anderen Seite, war Mitzieherin. In was für Platzfindungsprozesse das bei mir genau eingebunden war, kann ich nicht mehr genau sagen… Doch auch hier: irgendwann ein klärendes Gespräch mit einer Lehrerin, an das ich immer noch sehr plastische Erinnerungen habe. Vor allem an mein riesengroßes schlechtes Gewissen. Ich glaube , dass ich danach nicht mehr weitergemacht habe mit dem Ausschließen dieser Mitschülerin – will das definitiv glauben…

Sprung zurück nach vorn. Noch heute ist „Ich war in der Schule Außenseiterin“ eine wichtige Identität für mich. Stelle ich fest, dass Leute, mit denen ich jetzt zu tun habe, früher auch ausgeschlossen und gedisst wurden, schafft das so gut wie immer Verbindung. Leute, die ausstrahlen, dass sie noch nie Ausschlusserfahrungen gemacht haben, sondern immer glatt durchs Leben gedüst sind, finde ich meistens unsympathisch (obwohl ich ja eigentlich inzwischen dazu neige, die Existenz von Menschen, die wirklich auf keiner Ebene jemals Ausschluss erlebt haben, für einen Mythos zu halten). Auf jeden Fall merke ich in solchen Momenten des Vergleichens, wie viel Verletzung aus meiner Schulzeit ich immer noch in mir trage.
Doch es gibt nicht nur diese Seite. Ich habe auch so ein abstraktes Gefühl von „Auch diese Ausschlusserfahrungen haben mich zu dem gemacht, was ich bin“. Gewissermaßen flog die Option, die perfekte Normerfüllerin zu werden, für mich schon frühzeitig raus. Es blieb eigentlich nur die Variante „Mit euch und eurer Scheißnorm will ich doch sowieso nichts zu tun haben!“. Das ist voll super… und, na klar, auch keine ganz vollständige Wahrheit: Aus irgendeinem Grund habe ich schon lange den Drang, möglichst immer allen gefallen zu wollen. Der Gedanke, irgendwer (und ich meine hier wirklich: irgendwer) könnte mich nicht nett gefunden haben, ist für mich oft sehr schwer zu ertragen. Komisch, dass mir die Anerkennung durch die Gruppe also doch so gar nicht egal zu sein scheint…

Inzwischen arbeite ich öfter mal mit Schulklassen („außerschulische Bildung“ heißt das Zauberwort) und das mache ich sehr gerne. Dabei finde ich die Position, mitzukriegen, was in diesem komplizierten sozialen Gefüges, das sich Schulklasse nennt, so alles abgeht, ohne selbst Teil davon zu sein, voll luxuriös. Sie verschafft mir echt spannende Einblicke, oft entsetzlich und ermutigend zugleich. Mit diesen neuen Erfahrungen mit Schulklassen im Hinterkopf, würde ich manchmal voll gerne eine Zeitreise machen und meine eigene 7. Klasse mal aus einer solchen Perspektive erleben. Das wäre unglaublich spannend. Bestimmt schmerzhaft, vielleicht klärend…
Und ganz nebenbei könnte ich bei dieser Gelegenheit meinem vergangenen Ich auf die Schulter klopfen und zum Beispiel sagen: „Du bist nicht eklig. Du bist super so wie du bist!“ Und falls mein vergangenes Ich berechtigte Kritik äußern sollte wie „Dein pädagogisches Gequirle kannst du stecken lassen, wohl zu viele Selbsthilfebücher gelesen oder was?“, würde ich trotzdem auf meinem Standpunkt beharren.

[Der Text wurde auch in der Brav_a veröffentlicht.]