Atmen. Und aufhören zu atmen.

Für Harry

Atmen. Dein Atem. Was für ein Atem. Dein Atem. Die letzten Züge. Jeder Atemzug ein kleiner Kampf. Du wirst bald aufhören zu atmen, wir wissen es alle, reden darüber und verdrängen es doch, während du mit ganzer Kraft atmest. Ab und zu trete ich in den Flur und höre dein Atmen. „Krebs? Das hab‘ ich nicht, das will ich nicht haben!“, hast du noch vor ein paar Wochen gesagt und wir alle wussten nicht nur, dass du das trotzdem hast, sondern auch, wie ernst es damit war. Es war die Lunge. Nicht nur.

Wir haben Möhrensalat gegessen, obwohl wir keinen Appetit hatten, haben uns gegenseitig dazu erzogen, dass wir trotz allem etwas essen müssen, haben vielleicht versucht, so etwas wie Normalität aufrechtzuerhalten beziehungsweise so zu tun als ob das möglich wäre. Du hast nebenan geatmet, gekämpft, warst in dich selbst zurückgezogen, schon eine Zeitlang. Krasse Schmerzen musst du gehabt haben in den letzten Tagen.

Atmen. Irgendwann hörst du auf zu atmen – hörst auf zu atmen, einfach so. Davor solche Atemzüge wie schon den ganzen Tag und dann ist einfach einer davon tatsächlich der letzte.

Wir haben miteinander geredet, vor allem über dich, darüber, wie es mit dir war in den letzten Stunden, darüber, wie gut es ist, dass du gerade zu Hause sein kannst, dass du zu Hause sterben konntest. Haben uns ständig wiederholt. Wiederholt und uns an den Sätzen festgehalten. Weil wir das so gebraucht haben wahrscheinlich. Sind sinnvollen, sinnlosen Aktivitäten nachgegangen. Weil wir das so gebraucht haben wahrscheinlich.

Atmen. Ein paar Tage nach deinem Tod habe ich Atembeschwerden. Ich gehe die Straße entlang, nach Hause vielleicht, die Brust zieht sich mir zusammen, ich kriege Atembeklemmungen. Ich habe Bilder dazu im Kopf, Bilder von dir kurz vor deinem Tod, kurz nach deinem Tod. Deine Allernächste hatte Halsschmerzen, als du starbst. Das erste Mal seit Jahren. Halsschmerzen und kaum noch Stimme, war völlig heiser.

Wir haben dir andere Kleidungsstücke angezogen, kurz nachdem du gestorben bist. Dein Körper war noch warm, und er hatte sich sehr verändert in den letzen Wochen und Monaten. Obwohl ich wusste, dass du tot bist, wollte ich dir nicht weh tun beim Umziehen. Ein kariertes Hemd, eine dir inzwischen viel zu weite Hose. Du, ein proletarischer Ritter.

Bei deiner Beerdigung war es hundekalt. Die Trauerhalle fünf Minuten länger als vorgesehen genutzt zu haben, kostete fünfzig Euro mehr. Sterben als Geschäft. Und du als proletarischer Ritter. Nicht mehr. Noch immer.

Als die Urne mit deiner Asche ins Grab heruntergelassen wird, friere ich. Und atme. Mein Atem ist ganz deutlich zu sehen in der kalten Luft.