Unter dem Pflaster…

Aua. Beim Rüben-Raspeln habe ich mich in den Finger geschnitten. Der Schnitt ist mini. Viel Blut allerdings für einen Mini-Schnitt. Aua.

Nach zwei Tagen entsteht in mir das Gefühl, es sei doch allmählich höchst übertrieben, immer noch Pflaster zu tragen. Ich reiße es ab, tauche die Hände pflasterfrei ins Abwaschwasser. Nach drei Tellern blutet es wieder.

Na gut, okeeeh… Also neues Pflaster rauf.

Am nächsten Tag reiße ich es wieder ab. Jetzt aber wirklich! Bin doch kein Schwächling und schon gar nicht aus Zucker. Kein jämmerlicher Waschlappen, verwaschener Jammerlappen. Kein nichtsnutziger Taugenichts, t(r)au(r)iger nichtiger Nichtnutz. Ich kann das. Kann das. Kann. Das.

Und dabei ist es nicht das erste Mal, dass ein Einschnitt länger als zwei Tage Spuren hinterlässt. Aber der Druck ist anscheinend groß, ich spüre ihn auf meinem Raspelfinger. Und Lernen kann schwer sein. Und jeder Schnitt ist anders. Ich glaube, dieser hier ist in Wirklichkeit ganz schön tief und gar nicht so mini.

Es gibt Prospekte, in denen es angeblich um Self-Care geht und die den Eindruck erwecken, mit sich selbst in Kontakt zu sein, wäre in erster Linie mit folgenden Stichworten verbunden: Freude. Sinnlichkeit. Wärme. Hula-hoop. Licht. Beglückung. Schaumbad. Blumen. Girlanden.
Wenn ich mit mir selber in Kontakt bin, finde ich da komischerweise auch Tränen, Kotze und einen blutenden Finger. Und ehrlich gesagt verspüre ich kein spezielles Bedürfnis danach, die wegzuhulahoopen. Den blutenden Finger unter Handschuhen mit Blumenmuster zu verstecken. Ich mag Wärme und Sinnlichkeit, Blumen find ich auch ok und naja, Girlanden find‘ ich eher so geht so, dafür genieße ich gelegentlich Beglückung durch Schaumbad. Vor allem finde ich jedoch, dass alle meine Körperflüssigkeiten zu mir dazu gehören. Auch wenn sie in unvorhergesehener Form nach außen dringen. Manchmal gibt’s eben auch Rüben zum Abendbrot – und im warmen Licht der Freude erblüht sinnlich ein Reibeisen.

Ich selbst hingegen bin weder Reibeisen noch Hula-hoop-Reifen. Und weil ich definitiv kein Reifeisen bin oder sein will: Lieber den Finger doch wieder mit Pflaster ins Abwasch-, nein, besser Badewasser tunken, mir eine Blume neben die Badewanne stellen, laut in einen Waschlappen jammern, auf eine Girlande heulen, bis sie vor Feuchtigkeit Wellen schlägt, und mir Zeit lassen. Unter dem Pflaster ist manchmal eben wirklich Blut. Und vielleicht lohnt es sich, da gelegentlich genauer hinzusehen und bei genauerem Hinsehen vielleicht sogar noch mehr zu finden als angenommen, denn: Unter dem Pflaster, ja da liegt der Strand – komm, reiß auch du ein paar Steine aus dem Sand…