Archiv der Kategorie 'Zwanzigprozentaufallesaußertiernahrung'

Bitte um Persönlichkeitsentwicklung

Ich möchte persönlichkeitsentwickelt werden, bitte helfen Sie mir dabei. Denn nur für entwickelte Persönlichkeiten ist Platz auf dem Planeten, will sagen, Arbeitsmarkt. Bitte entwickeln Sie meine Persönlichkeit, denn meine Persönlichkeit ist mangelhaft! Sie muss dringend optimiert werden, denn ich bin: ungemein unflexibel, unkommunikativ. Verbohrt, verkrampft – verdammt.

Aus der wackligen Strickleiter meiner selbst muss eine steinerne Treppe werden. Daher freue ich mich über jede mir unterstützend gereichte Hand, zusammen werden wir ein stabiles Ich-Gebäude errichten. Fangen wir beim Fundament an, formen Sie mich! Ich hätte gerne: die Teamworkkompetenz, die Teambuildingkompetenz, die Teamarbeitskompetenz, die Teamprozessgestaltungskompetenz, die Prozessoptimierungskompetenz, die Arbeitsoptimierungskompetenz, die Teamarbeitsoptimierungskompetenz, die optimierte prozessorientierte Teamkompetenzentwicklungskompetenz.

Doch eigentlich ist kein Einheitsbrei, sondern Individualität gefragt: Für jede persönliche Note gibt es eine passende Nische. Wenn dann der große Moment da ist und ich endlich eine Persönlichkeit bekommen habe, möchte ich sie auch auf meine ganz persönliche Art und Weise einsetzen. Vielleicht könnten Sie sich an folgendem Teaser für interkulturelle Trainings orientieren, während Sie mich renovieren? „Nicht nur beim Auslandsaufenthalt ist es sinnvoll, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die uns begegnen, optimal zu nutzen.“ Klarer Fall: Noch bin ich nutzlos mit all meinen Widersprüchen und Banalitäten, das muss anders werden!

Gern möchte auch ich mich ausbeuten. Zu diesem Zweck möchte ich mich ausbauen.

Mit der Textkompetenz fange ich an und schlage entgegen meiner Gewohnheit eine Zeitung auf. Die Jungle World schreibt über Bildungsprojekte gegen Linksextremismus, will sagen, mich: „Die Kompetenzen, die innerhalb der drei- bis sechstägigen Seminare erworben werden sollen, sind vielfältig: Verfassungs-, Differenzierungs-, Politik-, Partizipations- und Utopiekompetenz.“ Puh. Obendrauf hätte ich gerne noch die Kotzkompetenz. Kostenfrei und lohnenswert. Verbindlichsten Dank.

Der Frühling ist ein Schönheitssalon, in dem die Sonderangebote zwitschern.

Es ist Frühling geworden, auch in der Stadt, das ist schön und essentiell – The essential spring collection: See it, love it, buy it. Die kahl-kalt glänzenden Glasbauten recken sich der lieblich-leuchtenden Sonne entgegen, die Werbelandschaften blühen, das strahlende Fotoshopkind sagt: Mama und Violeta kümmern sich um meine Zukunft. Was auch immer Violeta produziert, außer Klopapier und Windeln, egal, see it, love it, buy it. Tu’s für die Zukunft, denn die Zukunft ist schön und essentiell, und gerade ist Frühling, der Winter gehört der Vergangenheit an, die Vergangenheit gehört zum Winter wie das Eis am Stiel zum Sommer, jetzt ist Frühling, und jetzt ist die Zukunft, jetzt brauchen wir dringend Klopapier von Violeta, denn gerade wenn die Verdauung des Winters schwer fällt, im Zweifelsfalls ist es das hochqualitative liebliche Klopapier, das uns den rechten Weg in die Zukunft weist, drum: See it, love it, buy it. Es ist Frühling in der Stadt, es sprießt und zwitschert und glitztert, love it, Frühling, die Zeit der Verliebten: Limitierte Liebeseditionen für nur drei Euro fünfundneunzig. An den Wänden kleben glückliche Heteropaare beim Einkaufen, ach, sind sie nicht schön, die Frühlingsgefühle. See it, love it, buy it, take me, fuck me, eat me. Bald sind hoffentlich auch wieder Paradieswochen bei Real, dann gibt es Schweinefilets zum Paradiespreis, eat me, und das weckt Frühlingsgefühle – gestern, see it, heute, love it, morgen, buy it, und übermorgen hol ich der Königin ihr Kind: Das Leben ist ein Märchen, eines, das fortwährt, bajka koja traje; und derart märchenhaft, fortwährend, ist gleich ein ganzes Land, ein Land als Produkt – und das dritte Land, das in diesen Text einfließt, denn es ist Frühling in zwei ganz verschiedenen Städten, die in verschiedenen Ländern liegen und in denen, wie im Märchen, die gleichen lieblichen Werbelandschaften blühen, fast ohne Unterschied. Der Lenz ist da, der Kapitalismus schon lange: Fuck it, fuck it, fuck it. Und so schön bunt.

Dünne deutsche Haarreifen

Oder von der Schönheit

Schön ist es, wenn das Oberteil farblich zu den Ohrringen und den Schuhen passt. Schön ist es während der WM, wenn das Oberteil in den Farben schwarz-rot-gelb gehalten ist und farblich zu den gelb-rot-schwarzen Ohrringen und den rot-schwarz-gelben Schuhen passt, und vielleicht damit noch ein schwarz-gelb-roter Haarreifen kombiniert wird. Schön ist bekanntermaßen Dünne und Glätte und Fettfreiheit und Faltenfreiheit. Schön ist es, sich gewählt auszudrücken. Schön ist es, Pickel auszudrücken. Schön ist es, nicht auszurücken. Schön und männlich ist es, wenn sich Fußballspieler nach dem Torschuss in den Armen liegen, hässlich und ekelhaft schwul wäre es, wenn sie sich auch nach Torschluss noch in den Armen lägen. Schön ist es, eine interessierte Staatsbürgerin zu sein, die ihre Meinung in angemessener Art und Weise äußert, hässlich ist es, eine nicht-oder-woanders-Staatsbürgerin zu sein, die vielleicht obendrein ihre Meinung in unangemessener Art und Weise äußert. Schön und weiblich ist es, lange Haare auf dem Kopf, aber weder auf den Beinen noch über den Lippen noch auf den Zähnen Haare zu haben, und sehr schön macht sich dazu noch ein gelb-schwarz-roter Haarreifen. Schön ist Wellnessurlaub in irgendeiner klischeeüberladenen Gegend, in der es auf jeden Fall warm sein muss. Schön ist, wer mehr Träume hat, als die Realität zerstören kann, schön ist die Realität, die manche Träume zerstört. Schön ist es, mit coolen Freund_innen coole Sachen zu konsumieren. Schön ist, wenn wir alle Hand in Hand um den Erd- bzw. Fußball rumtanzen, und noch schöner ist es, wenn wir dabei die anderen vom Platz fegen. Schön sind coole fettfreie an den richtigen Stellen behaarte schwarz-gelb-rote Wohlsein konsumierende Staatsbürger_innen, die das Wir-Gefühl befördern, welches die anderen ausschließt. Schön sind coole faltenfreie an den richtigen Stellen behaarte rot-gelb-schwarze Wohlsein konsumierende Staatsbürger_innen, die sich natürlich immer hässlicher vorkommen als ihre unerreichbaren schönen Vorbilder. Coole bügelfreie an den richtigen Stellen behaarte gelb-schwarz-rote Wohlsein konsumierende Staatsbürger_innen sind – schön gemeint und unschön. Wunderschön ist dieser Spruch: Die Gesellschaft will dich schön? Scheiß drauf! Und schwarz-rot-gelbe Haarreifen sind wirklich Rotze.

Voraussetzung: emotionale Kompetenz!

Manchmal glaube ich, bei mir ist eine Schraube flexibel. Vielleicht habe ich auch nicht mehr alle Kompetenzen beisammen und nicht mehr alle soft skills im Schrank. Denn meine Hirntätigkeit ist gerade eher dynamisch. Und woher kommen eigentlich diese komischen Wörter in meinem Kopf? Liebe ist übrigens sowieso ein Arschloch. Aber Selbstmitleid macht tierisch Spaß. Und wenn ich so darüber nachdenke, ist Liebe eigentlich doch ein, äh, na, das Gegenteil von Arschloch? Interessant, an welchen Punkten mir die Worte fehlen. Vielleicht sollte ich darüber mal eine größere Untersuchung starten, kostenneutral selbstverständlich. Oder vielleicht reicht es auch, wenn ich, vielleicht im Rahmen eines Teambuildingseminars, meine Kommunikations-kompetenzen ausweite und ein besseres Konfliktmanagement erlerne? Auch mit meinem Zeitmanagement kann es ja nicht so weit her sein, sonst würde ich schließlich gerade wichtige Dinge erledigen und To-Do-Listen abhaken. Oder zwecks schnellerer, effektiverer Beseitigung meiner emotionalen Baustellen eine Schnulze im Fernsehen anschauen. Aber Herzschmerz frisst eben Kapazitäten. Wenn wenigstens dieser Computer nicht so laut summen würde. Und wenn… nun, vielleicht ist dies nicht der Ort für private Wünsche, hier auf dem Präsentierteller der Öffentlichkeit. Wie war noch gleich der Zusammenhang zwischen dem hübschen Wort Transparenz und dem hässlichen Wort Kontrolle? Kontrollverlust ist übrigens attraktiv, finde ich, peinlich und attraktiv. Und dieser Text ist vielleicht doch aus Versehen für die Öffentlichkeit schon zu persönlich geworden? Ach was, er hat ja schließlich nichts mit mir zu tun und ist nichts weiter als ein Beweis meiner Leistungsfähigkeit und meiner großen Motivation, mir innovative Tätigkeitsfelder zu erschließen. Oder doch Ausdruck meiner Ambitionen, meinen emotionalen Zustand prozessorientiert zu optimieren? Falls dem versehentlich so sein sollte, wünsche ich mir dabei viel Erfolg – ganz privat.

Kram: Kreuzreim und Kunst, Konsum und Kapitalismus

Wenn ich so durch die Straßen geh‘,
ich überall Scheißwerbung seh‘.

Schon wieder eines dieser bekloppten Werbeplakate. Dachte die Protagonistin dieser Geschichte – die natürlich wie immer gar keine wirkliche Geschichte ist, sondern nur eine Aneinanderreihung von mehr oder minder lesenswerten Gedanken in Prosaform, obendrein durch einen Zweizeiler im Paarreim eingeleitet – und musste brechen. Ohne dass das irgendwas mit Alkoholkonsum zu tun gehabt hätte, oder mit dem Konsum ungeeigneter oder ungenießbarer Speisen. Vielmehr mit endlos wiederholtem ungewollten Informations- und Bilderkonsum. „Hier bin ich Mensch, hier kauf‘ ich ein!“ Ach, Scheiß auf’s Menschsein, Hauptsache nicht einkaufen müssen… Dachte die Protagonistin dieser Geschichte, die mal wieder eine Geschichte ohne eigentliche Handlung ist, als sie sich nach dem Kotzen den Mund ausspülte.

Ach, was für ein wunderbares Produkt. Rief die Antagonistin in der mit einem Paarreim eingeleiteten Geschichte ohne Geschichte und ohne Handlung freudig aus, als sie das Werbeplakat entdeckte. Was für eine Spitzengelegenheit, two in one, Konsum und Menschwerdung in einem. Selbstverwirklichung durch Drogerieartikel. Und sieh nur, das andere Poster daneben! Was für ein wunderbares Produkt!

Wer – die Zigarettenschachtel oder die Frau daneben? Fragte die Protagonistin der Nicht-Geschichte trocken zurück.

Wodurch sich die Antagonistin natürlich prompt provoziert fühlte und, um die Protagonistin zu ärgern, aus ihrer dm-Tragetasche eine Zigarettenschachtel zog und rauchend zu posieren begann.

Woraufhin die Protagonistin nicht anders Widerstand zu leisten wusste als durch Anwendung eines unglücklichen Haufenreims.

Frau mit Zigaretten,
bist du noch zu retten?
Nehmt doch diese fetten
und so gar nicht netten
doofen Marionetten
raus aus allen Städten.

Anstatt Beifall zu klatschen, zog die Antagonistin betont ihr Portemonaie hervor und lächelte erneut zu den Werbepostern hinüber, ohne der Protagonistin weitere Beachtung zu schenken.

Diese, indes völlig verblendet von der neu entdeckten Möglichkeit, der omnipräsenten kapitalistischen Kackscheiße ein künstlerisches Wirken und Streben entgegenzusetzen, war vom weiteren Reimen nicht mehr abzubringen.

Mehr von diesem Kram
hier vor meiner Nase
und ich ohne Scham
jetzt sofort wegrase
oder etwas lahm
zum Protestlauf blase.

Während die Antagonistin angesichts des beschämenden von der Protagonistin vorgetragenen Krams im Kreuzreim ihren nagelneuen Ipod aus der dm-Tragetasche zog und sich die Ohren zustöpselte, hielt die Autorin den Zeitpunkt für ein Machtwort für gekommen. Sie ereiferte sich über furchtbare Werbeplakate, zog über schlechte sogenannte Kunst her und meckerte lauthals über am Laptop um sich geworfene Worte ohne tatsächliches Gesellschaftsveränderungspotential. Und dann stellte sie plötzlich mit Schrecken fest, dass sie aus Versehen in Paarreimen geschimpft hatte.

Diese schlechte sogenannte Kunst
ist nur schlechte Kunst genannte Frunst.
Qual!
Kein Gesellschaftsveränderungspotential!

Das war ja nun alles ziemlich verfahren und niemand wusste mehr so recht weiter.
Na ja, die Antagonistin hatte dank ihrer portablen Musikabspielmaschine von den neuen Entwicklungen eigentlich gar nichts mitbekommen.
Und die Autorin hatte ja für alle Fälle immer die Möglichkeit, einfach sich selbst wieder aus der Handlung herauszuschreiben.
Nur die Protagonistin sah sich zum Handeln gezwungen.
Sie beschloss, einkaufen zu gehen. Mensch zu werden, endlich. Two in one.
Sie kaufte eine Spraydose. Und einen Cutter, um Schablonen auszuschneiden.
Und die Autorin ließ sie gewähren.