Archiv der Kategorie 'Interherzionales'

Die Schuld und ich — und der Weg zu einem Ausweg

Dieser Text ist mit bezaubernden Illustrationen (die zu zeichnen ich selbst nie in der Lage gewesen wäre) in der Brav_a erschienen und kann am besten in der Zeitschrift selbst besichtigt werden, auch online. Und zwar hier (S.35-36).

Zur guten Nacht. 4u.

Abends:

Es regnet schon wieder, ich mache das Fenster zu. „Du gehst nicht in diese Pfütze, Helena-Ashley, du hast deine weiße Hose an!“, das habe ich heute auf der Straße gehört. Ich bin ja selber wahrscheinlich auch nicht immer eine kinderfreundliche Umgebung, aber ob ich so schlimm „fürsorglich“ bin wie die? Dann war noch so ein ekliger Typ in der U-Bahn, er hat das Einsteigen eines Motzverkäufers laut mit „Schon wieder so ein Idiot!“ kommentiert. Ich hab‘ nichts gesagt. Mich stattdessen still geärgert, dass ich nichts sage. Hab‘ an dich gedacht. Vor einem halben Jahr habe ich Knallteufel geschenkt bekommen, und ein paar geworfen, ich fand das jedes Mal übelst poetisch, so ein kleiner Funken im Dunkel, auf dem verdreckten Asphalt, ein kleiner Widerstand. Naja. Hab‘ ich dir heute schon gesagt, wie toll du bist, und hab‘ ich dir schon erzählt, was ich über Knäste geträumt habe? Der Regen macht mich ein wenig frustriert. Der Wind gefällt mir gut. Es ist schön, dass du da bist. Im Kopf erstelle ich ständig To-Do-Listen, ich muss damit aufhören. Kann mich kaum entspannen. Will Ruhe, will keinen Leistungsdruck, setz‘ mich selbst total unter Druck. Und hobbymäßig suche ich nach Alternativen zur Schuld, Schuldgefühle bringen so wenig. Muss vorm Einschlafen dringend noch was Fettiges essen, Fett macht jedes Essen attraktiver. Hat die Kotze im Roman eine metapoetische Funktion? Das haben wir heute diskutiert. Außerdem habe ich ein Faible für Pinguine entwickelt, obwohl mir normalerweise Tiere egal sind, kannst du mir diesen Wandel erklären? Historischem Wandel unterliegt auch das Konstrukt Osteuropa. Osteuropa geht spazieren. Wie lässt sich Dynamik graphisch darstellen, in Landkartenform? Das haben wir ausprobiert, haben politische Interventionen gebastelt. Vielleicht haben unsere Nachbar_innen eine Räumungsklage am Hals. Widerstand? Der Knallteufel küsst den Asphalt wach wie die Prinzessin die andere Prinzessin.

Abends, wannanders:

Fenster geputzt, morgen früh werde ich die Schlieren sehen. Habe Nachrichten über die Deutsche Bank gehört, versuche es auf meine weibliche Sozialisation zu schieben, dass ich sie nicht verstanden habe, müde Ausrede. Ich möchte aufhören, selbstironisch zu sein und trotzdem weiter über mich lachen können. Was hat mich in letzter Zeit tief berührt? Wieso überfordert mich diese Frage? Mein Körper hat mir gesagt, dass ich ’ne Pause machen soll, danke, Körpi. Denke an die Motzverkäuferin, die um Mitternacht in der U-Bahn die Zeitung so schwach und leise ansagte, dass sicher auch eine direkt neben ihr stehende Person nichts hätte verstehen können. Ich glaube, eine Packung Knallteufel hätte ihr überhaupt nichts gebracht. Neben meiner Packung Knallteufel auf dem Nachttisch steht ein Foto von dir, das gucke ich an. Auf dem Tisch daneben liegt eine Schachtel Pralinen, die ich geschenkt bekommen habe, und ein Plastekreiselspiel. Ich möchte damit aufhören, perfekt sein zu wollen. Schmachte dein Bild an. Brauche zur Zeit oft das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen. Bin etwas krank, mir ist disselig im Kopf. So viel Gewalt. Passivität finde ich bequem, und Passivität macht mich ungeduldig. Widerstand? Der Knallteufel küsst den Asphalt wach. Draußen regnet es schon wieder, ich wünsche dir eine gute Nacht und schlage einen Funken. Böller mag ich nicht.

Zugfahrten

In letzter Zeit bin ich viel Zug gefahren, in echt und in unecht. Es ist schön da, im Zug, und manchmal auch anstrengend, wenn man weder hier noch dort ist oder die verdammten Fenster sich nicht öffnen lassen oder sich Dinge ereignen, die nicht zusammenpassen, oder das Klo verstopft ist.

Der Witz am Zugfahren ist, man kommt irgendwann an. Zum Beispiel in Strizivojna-Vrpolje, wo es poetisch ist, denn auf den ersten Blick gibt es nichts, außer Züge – nach Belgrad, Sarajevo, Zagreb, Ljubljana, Budapest. Und plötzlich regnet es wie aus Kannen und pladdert und prasselt und danach scheint, plötzlich, wieder die Sonne, und wenn man das so hinschreibt, wirkt es billig, aber es ist passiert.

Erster Aufzug. Durchzug.
Pass auf dich auf. Deine Haare sind ja noch nass. Und das bei diesem Durchzug. Wir leben in einer kaputten Gesellschaft, aber das ist doch kein Grund, sich zu erkälten, sei nicht so leichtsinnig. Achte auf dein Köpfchen in dieser Gesellschaft, wenn es von allen Seiten zieht!

Zweiter Aufzug. Im Aufzug.
Nach oben. Höher, schneller, weiter, besser, dünner, sexier, günstiger, erfolgreicher, billiger, deutscher, zügiger, heißer, kälter, mehr! Das Hochhaus hat viele, viele Stockwerke und nur einen Aufzug. Und eine Treppe in den Keller: alternativer, origineller, fanciger, undergroundiger, kälter, heißer, mehr!

Dritter Aufzug. Am Zug.
Du bist am Zug. – Echt? Aber ich weiß doch gar nicht, was ich tun soll. – Ach komm, sei kein Schluffi, jetzt zieh schon. – Ich weiß nicht. Entscheide du für mich. – Aber so macht das Spiel doch gar keinen Spaß. – Na und.

Vierter Aufzug. Ziehen.
Kann ich einen Zug von deiner Zigarette? Ach, Entschuldigung, ich bin ja Nichtraucherin. Manchmal vergesse ich aus Versehen, welchen Gruppen ich angehöre. Kommt nicht wieder vor. Ich will ja nicht dein Bild von mir durcheinanderwerfen, und erst recht nicht mein Bild von mir… Aber falls du’s mal brauchst – ja, ich habe Feuer.

Fünfter Aufzug. Beziehen.
Die Züge rattern lärmend am Fenster vorbei und du hast deswegen ganz laut geträumt. Sie rattern und pfeifen und rattern und morgen rattern wir beide in getrennte Richtungen davon. Bei mir der Impuls, das Fenster zuzumachen, damit wir lieber in unserem eigenen Muffel leise träumen können, anstatt schon heute dieses Rattern hören zu müssen…

Sechster Aufzug. Den gibt’s ja eigentlich gar nicht.
Der Zug ist abgefahren. Und was, wenn er doch nur Verspätung hat?

Manchmal verstehe ich nur Bahnhof. Dann fahre ich los. Theoretisch gern auch ohne, praktisch immer mit Gepäck.

Der Witz am Zugfahren ist, irgendwann kommt man irgendwo an. Zum Beispiel in Strizivojna-Vrpolje.

Poetik des romantischen Raums

Der Raum zwischen uns. Der Raum zwischen uns ist voll. Zugekramt mit Erwartungen und Erinnerungen, Erfahrungen und Ergüssen, und mit Erdbeersirup, weil auch er mit Er anfängt, das ist wegen der klanglichen Kongruenz. Vollgestopft mit Bergen und Städten, Grenzen und Flüssen, weil Flüsse und Ergüsse gut zusammenpassen, das ist wegen des Reims. Leer ist er auch, denn er ist groß und weit, unbeschritten und unbescholten. Und nichts ist nur voll, alles ist nicht leer, das ist wegen der Widersprüchlichkeit.

Viel Raum ist zwischen uns, ergiebig. Ich kann ihn, ergeben, mit romantischen Vorstellungen überschütten als wären sie Milch. Was hilft es, über verschüttete Milch zu klagen, sagt ALF dazu, immer passend. Und du sagst: Ich finde Romantik ziemlich gut, wurde aber oft für meinen sachlichen Zugang dazu gerügt. Und ich stelle mir vor, wie du das sagst, und das veranlasst mich dazu, weiter romantische Kitschmilch zu verschütten. Ich ergieße Kitschmilch, bis sich ein Fluss bildet. Der durch den Raum fließt, über die Grenze, das ist wegen der zirkulären Textstruktur.

Der volle Raum zwischen uns, ich fließe den Kitschmilchfluss entlang, sauge deine Ergüsse in mich auf, lasse Erwartungsblasen an die Milchoberfläche blubbern, wo sie zirkulieren können, wenn sie wollen. Das ist wegen der Freiwilligkeit und wegen der Ergebenheit, und ich denke an dich und spritze etwas Erdbeersirup in den Erwartungs-blasenkitschmilchfluss.

Ein paar Grenzen zwischen uns, macht nichts, auch Grenzen gilt es als Räume zu betrachten, allein schon wegen der Hoffnung und wegen der Theorie. Jemand schenkt Milch aus beim Grenzübertritt, zumindest in meiner Vorstellung, und wirft einen sachlich-nüchternen Blick auf das romantische Bild eines Grenzüberwindungserwartungsblasenkitsch-milchflusses, das ich ihm hinhalte. Und dich frage ich, ob du noch etwas Kaffee willst zu deiner Milchtasse, wegen der Höflich- und wegen der Vollständigkeit. Ich brauch ein wenig romantisches Bollwerk, sagst du dazu. Kein Wunder, bei so vielen Grenzen zwischen uns.

Der Raum zwischen uns, der ist voll und leer, und ab und zu gibt es Grenzzwischenräume. Aber auch noch so viel schräges Wortspiel, und auch die amüsante Vorstellung eines mit einem Kaffeebollwerk getränkten Grenzüberwindungserwartungsblasenkitschmilchflusses können mich nur schwer von der Tatsache ablenken, dass du gerade nicht hier bist. Und das macht wirklich Sehnsucht, vermutlich wegen der Romantik.

Aber trinkst du überhaupt Milch. Und was werden deine veganen Freund_innen dazu sagen.

Kopfkino. Subjektorientiert, repräsentativ, intellektualisiert.

„Also“, sprach das liebende Subjekt, „es wird Zeit, tradierte Liebeskonzepte einmal kritisch zu reflektieren. Possesives Verhalten, obligatorische Kompromissaushandlung in der Zeitplanung des Individuums sowie eine übertriebene Repräsentation der Beziehung und ihrer Exklusivität nach außen hin sind im konventionellen Beziehungsverständnis eindeutig zu zentrale Aspekte, die, gerade weil sie fest in gesellschaftlichen Strukturen verankert sind, keinesfalls weiterer Reproduktion bedürfen.“
„Nun ja“, das geliebte Objekt, das, ob der Reduktion auf einen Objektstatus, kurzzeitig recht wütend geworden war, schließlich definierte es sich vielmehr als geliebtes Subjekt und hasste schon allein das grammatikalische System für die ausschließliche Existenz nur eines Subjekts im Hauptsatz, „nun ja“, das geliebte Objekt-Subjekt fühlte sich zu einer zeitnahen Reaktion herausgefordert: „Ich gehe mit dir konform, was die Problematik besitzergreifenden Agierens in Liebesbeziehungen betrifft, allerdings möchte ich in diesem Kontext ferner darauf verweisen, dass die unangenehme Omnipräsenz der Paarbeziehung in der Öffentlichkeit mit einer Diskreditierung auf Freundschaft basierender Netzwerke einhergeht und impliziert, das Höchstmaß an subjektiv empfundener Zufriedenheit sei lediglich durch eine Beziehungsform mit der Kennzeichnung ‚romantische Liebe‘ zu erreichen. Es gilt zu beachten, dass nur ein solcher simplifizierender Diskurs Termini wie ‚Single‘ hervorbringen konnte.“
Dieser Befund animierte das liebende Subjekt zu einer affirmativen Geste mit dem Kopf; und über ein größeres Zeitfenster hinweg äußerten sich beide Subjekte äußerst fruchtbar, wenn auch unter Verwendung pejorativer Termini, darüber, dass in dieser Gesellschaft Individuen, die keine als romantisch deklarierte Beziehung vorweisen könnten, leider als unvollständige Elemente konstruiert würden.
Um diese wenig kontrovers geführte Konversation mit einen neuen Impuls zu bereichern, erweiterte das liebende Subjekt die Debatte schließlich um die Fragestellung: „Wie, denkst du, sollte sich der Umgang zweier Individuen, die wir jetzt einmal ganz exemplarisch imaginieren wollen, mit einer zwischen ihnen real existierenden Gefühls- und Bedürfnisdiskrepanz konstruktiv gestalten?“ Diese Frage fungierte als Stimulus für ein umfangreicheres Projekt: „Vielleicht können wir als Co-Autor_innen einen Aufsatz verfassen, der sich der detaillierten Analyse dieser Fragestellung widmet“, legte das geliebte Subjekt anheim. „Ergänzend können wir uns auch auf einige bereits breit rezipierte Publikationen beziehen. Bourdieu zum Beispiel schrieb, wenn auch für den Fokus dieses Dialogs nur mäßig adäquat, aber doch sehr präzise formuliert, dabei auch den von uns bislang – möglicherweise aus Gründen, die mit unserer Sozialisation in Verbindung stehen – vernachlässigten Begriff des Begehrens stärker akzentuierend: ‚Da die Sexualität eine gesellschaftlich zu bedeutende Angelegenheit ist, um den Zufällen individueller Improvisation überlassen zu werden, schlägt und schreibt die Gruppe eine offizielle Definition der legitimen Verwendungsweisen des Körpers vor.‘“ Diese These motivierte das liebende Subjekt dazu, sofort zu verbalisieren, dass sie_ihn solcherlei Zitate stets sofort dazu inspirierten, noch weiteres Name-Dropping zu betreiben. In diesem Sinne führte er_sie Brecht an, der noch kompakter konstatiert hatte: „‘Ich habe ihn nachts die Backen aufblasen sehen, im Schlaf, sie waren böse…‘“, woraufhin die beiden Subjekte im Chor das – ganz objektiv betrachtet – phänomenale Finale des Poems zitierten: „…aber als ich seine löchrigen Schuhe sah, liebte ich ihn sehr.“ --

Und so lagen sie noch eine Weile nebeneinander, genossen die Filme in ihren Köpfen oder hassten sie, feilten am Konzept ihres gemeinsamen, biperspektivischen Aufsatzes über Gefühlsdiskrepanzen und bliesen hin und wieder die Backen auf.