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Das Geblute ist politisch, untenrum.

Es gibt Menschen, die manchmal untenrum bluten. Menschen gibt’s! Das kann ja so nicht angehen, einfach so, Blut untenrum, unkommentiert. Und schon gar nicht ist das privat.

Deshalb gelten die drei goldenen Regelregeln, immer gleichzeitig und selbstverständlich nur für unsere lieben Mädchen:
1. Du darfst nicht nicht menstruieren.
2. Dass du menstruierst, muss dir wichtig sein.
3. Dass du menstruierst, sollte dich mit Scham erfüllen.

In der Schule fragten sie sich gegenseitig und vor lauter Aufregung sogar aus Versehen mich, die sonst selten irgendwas gefragt wurde: „Hast du’s?“ Ich verstehe bis heute nicht, warum sie damit nicht meinten „Hast du’s auch gecheckt, dass das Patriarchat eine Scheißeinrichtung ist?“. Da ich „es“ nicht (gecheckt?) „hatte“, blieb nur eine Lösung: Minderwertigkeitsgefühle.
Denn was kann zur Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit erstrebenswerter sein als Unterleibsschmerzen? „Frau sein“ muss eine unheimlich tolle Angelegenheit sein, wenn eins der zentralen Kriterien dafür ist, einmal im Monat Auaweh zu haben und als unzurechnungsfähig und überemotional abgestempelt zu werden. Und in die hinteren Bereiche der Drogerie vordringen zu müssen, wo es diese… pscht… Tampons zu kaufen gibt.
Mir ist auch aufgefallen, dass Fruchtbarkeit im Allgemeinen für „Frauen“ wichtiger ist als beispielsweise für Diskussionen. Ist natürlich nur so‘n irrationaler Eindruck von mir. Mit dreizehn wäre mir vermutlich ein etwas weniger abstoßendes Schulumfeld wichtiger gewesen als die regelmäßige Abstoßung meiner Gebärmutterschleimhaut. Aber vielleicht verschwimmen auch in diesem Zusammenhang bei mir schlicht und einfach die Relationen (im Blut?). Eine solche Prioritätensetzung scheint jedenfalls nicht vorgesehen gewesen zu sein. Vielleicht wurde ich also in der Schule zu Recht gedisst. Oder die anderen waren mit der Erfüllung der Regeln 1 bis 3 derart beschäftigt, dass für respektvollen Umgang miteinander leider keine Zeit mehr übrig blieb.

Zum Glück lief mir irgendwann in einer Drogerie der Feminismus über den Weg. Wer auch immer das eigentlich ist, aber das fand ich einen ganz gelungenen Schachzug von ihm_ihr. Deshalb:

Wann und ob ich blute, untenrum, entscheidet immer noch mein Körper selber! Und das geht in erster Linie mich selbst was an (oder nicht mal das, falls es mir schnuppe ist). Ansonsten finde ich an der Bluterei vor allem eins gut: Im Zweifelsfalle ist mein Blut gar nicht so ungeeignet, um sexistische Werbeplakate damit zu beschmieren. Falls mich wer dabei erwischt: Huupsi, leider werde ich immer, wenn ich blute, so überemotional und unzurechnungsfähig.

[Der Text wurde auch in der Brav_a veröffentlicht.]

Mein Körper wird frech.

Da ist etwas und ich halte es für ein Furunkel. Schockschwerenot. Wie dreist von diesem Körper, zack, da drängt er sich wieder auf, und weglaufen kann ich auch nicht, denn er kommt einfach ungefragt mit. Dieser Körper mit diesem Furunkel. Grund genug für die Grunderkenntnis: Mein Körper ist peinlich.

Natürlich ist mein Körper auch schön. Sehr schön sogar, perfekt geradezu in seiner Imperfektion. Dafür bin ich schließlich Feministin genug!

Aber diese Peinlichkeit. Manche Körperteile sind zum Glück weniger peinlich, meine Zehennägel zum Beispiel, zu denen ich ein ganz natürliches, ungezwungenes Verhältnis habe, denen ich sogar alberne Spitznamen geben könnte, ohne dabei rot zu werden. Schamlos trete ich auch, scharf argumentierend, gegen eine Regulation von Körperpraxen ein: Alle dürfen sich Haare stehen lassen und wegrasieren, wo und wie lang auch immer sie wollen, masturbieren, wann immer sie Lust dazu haben, und es lassen, wenn sie keine Lust dazu haben, Händchenhalten als selbstverständliche Geste oder als sexuell aufgeladene Intimität empfinden,… Körper sind nicht nur zum Funktionieren da und der verdammte von niemandem erreichte Normkörper gehört dekonstruiert.

Das Furunkel ist trotzdem da, es stört die Funktionstüchtigkeit des Körpers, wieso schreit es denn bloß so rum, so unkontrollierbar, das freche Teil?! … Übergriffigen Leuten zu sagen, dass eine Glatze keine Einladung für fremde Menschen ist, mich ohne zu fragen am Kopf anzufassen, schaffe ich nach wie vor nur in „scherzhaftem“ Tonfall, diese meine Hände rasieren diese meine Beine immer wieder, obwohl ich das eigentlich nicht will, und diese Masturbationssache, eieiei, und dieses Rumstehen, wenn ich mich in meinem Körper unsicher fühle, voll konzentriert darauf, so auszusehen, als würde ich mich sicher fühlen ---

Woher habe ich denn bloß diesen ganzen Unsinn? Nicht mal auf Mädchenzeitschriften kann ich das schieben, als deren Lektüre vorgesehen war für das, was man normale Entwicklung nennt, fühlte ich mich darüber erhaben und las Micky Maus, denn Reife war schon immer etwas, was mich gegenüber meinen Altersgenoss_innen auszeichnete.

Nach wie vor trägt die Lektüre wertvoller Texte zu meinem inneren Wachstum bei. Hingegen wird mein äußeres Wachstum von anderen Faktoren bestimmt. Der aufmerksamen Leser_in wird nicht entgangen sein, dass sich dieses wachsende Furunkel für mich zu einem Problem auswächst. Weil es ja schließlich nicht angehen kann, dass mein Körper einfach selbstständig und ohne um Erlaubnis zu fragen agiert, am Ende gar Bedürfnisse anmeldet, die respektiert oder gar erfüllt werden wollen! Ey, Körper, altes Haus, so läuft’s nicht!

Dann wieder rede ich mir vor dem Spiegel ein: Ach, eigentlich ist er ja doch ein ganz guter Bodybuddy, und zusammen können wir eigentlich ’nen Haufen Spaß haben. Vielleicht sollten wir, Körpi und ich, also einfach Hand in Hand durch die Welt laufen, ungehemmt und frei. Das wär‘ doch ’ne runde Sache… Und auch für dieses Furunkel lässt sich eine Lösung finden: Ich werde es einfach aussitzen. Und zwar am besten so, dass niemand etwas von seiner Existenz erfährt. Denn das würde das Bild meines freien, glatten Körpers doch wirklich unnötig stören.

Bitte um Persönlichkeitsentwicklung

Ich möchte persönlichkeitsentwickelt werden, bitte helfen Sie mir dabei. Denn nur für entwickelte Persönlichkeiten ist Platz auf dem Planeten, will sagen, Arbeitsmarkt. Bitte entwickeln Sie meine Persönlichkeit, denn meine Persönlichkeit ist mangelhaft! Sie muss dringend optimiert werden, denn ich bin: ungemein unflexibel, unkommunikativ. Verbohrt, verkrampft – verdammt.

Aus der wackligen Strickleiter meiner selbst muss eine steinerne Treppe werden. Daher freue ich mich über jede mir unterstützend gereichte Hand, zusammen werden wir ein stabiles Ich-Gebäude errichten. Fangen wir beim Fundament an, formen Sie mich! Ich hätte gerne: die Teamworkkompetenz, die Teambuildingkompetenz, die Teamarbeitskompetenz, die Teamprozessgestaltungskompetenz, die Prozessoptimierungskompetenz, die Arbeitsoptimierungskompetenz, die Teamarbeitsoptimierungskompetenz, die optimierte prozessorientierte Teamkompetenzentwicklungskompetenz.

Doch eigentlich ist kein Einheitsbrei, sondern Individualität gefragt: Für jede persönliche Note gibt es eine passende Nische. Wenn dann der große Moment da ist und ich endlich eine Persönlichkeit bekommen habe, möchte ich sie auch auf meine ganz persönliche Art und Weise einsetzen. Vielleicht könnten Sie sich an folgendem Teaser für interkulturelle Trainings orientieren, während Sie mich renovieren? „Nicht nur beim Auslandsaufenthalt ist es sinnvoll, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die uns begegnen, optimal zu nutzen.“ Klarer Fall: Noch bin ich nutzlos mit all meinen Widersprüchen und Banalitäten, das muss anders werden!

Gern möchte auch ich mich ausbeuten. Zu diesem Zweck möchte ich mich ausbauen.

Mit der Textkompetenz fange ich an und schlage entgegen meiner Gewohnheit eine Zeitung auf. Die Jungle World schreibt über Bildungsprojekte gegen Linksextremismus, will sagen, mich: „Die Kompetenzen, die innerhalb der drei- bis sechstägigen Seminare erworben werden sollen, sind vielfältig: Verfassungs-, Differenzierungs-, Politik-, Partizipations- und Utopiekompetenz.“ Puh. Obendrauf hätte ich gerne noch die Kotzkompetenz. Kostenfrei und lohnenswert. Verbindlichsten Dank.

Zugfahrten

In letzter Zeit bin ich viel Zug gefahren, in echt und in unecht. Es ist schön da, im Zug, und manchmal auch anstrengend, wenn man weder hier noch dort ist oder die verdammten Fenster sich nicht öffnen lassen oder sich Dinge ereignen, die nicht zusammenpassen, oder das Klo verstopft ist.

Der Witz am Zugfahren ist, man kommt irgendwann an. Zum Beispiel in Strizivojna-Vrpolje, wo es poetisch ist, denn auf den ersten Blick gibt es nichts, außer Züge – nach Belgrad, Sarajevo, Zagreb, Ljubljana, Budapest. Und plötzlich regnet es wie aus Kannen und pladdert und prasselt und danach scheint, plötzlich, wieder die Sonne, und wenn man das so hinschreibt, wirkt es billig, aber es ist passiert.

Erster Aufzug. Durchzug.
Pass auf dich auf. Deine Haare sind ja noch nass. Und das bei diesem Durchzug. Wir leben in einer kaputten Gesellschaft, aber das ist doch kein Grund, sich zu erkälten, sei nicht so leichtsinnig. Achte auf dein Köpfchen in dieser Gesellschaft, wenn es von allen Seiten zieht!

Zweiter Aufzug. Im Aufzug.
Nach oben. Höher, schneller, weiter, besser, dünner, sexier, günstiger, erfolgreicher, billiger, deutscher, zügiger, heißer, kälter, mehr! Das Hochhaus hat viele, viele Stockwerke und nur einen Aufzug. Und eine Treppe in den Keller: alternativer, origineller, fanciger, undergroundiger, kälter, heißer, mehr!

Dritter Aufzug. Am Zug.
Du bist am Zug. – Echt? Aber ich weiß doch gar nicht, was ich tun soll. – Ach komm, sei kein Schluffi, jetzt zieh schon. – Ich weiß nicht. Entscheide du für mich. – Aber so macht das Spiel doch gar keinen Spaß. – Na und.

Vierter Aufzug. Ziehen.
Kann ich einen Zug von deiner Zigarette? Ach, Entschuldigung, ich bin ja Nichtraucherin. Manchmal vergesse ich aus Versehen, welchen Gruppen ich angehöre. Kommt nicht wieder vor. Ich will ja nicht dein Bild von mir durcheinanderwerfen, und erst recht nicht mein Bild von mir… Aber falls du’s mal brauchst – ja, ich habe Feuer.

Fünfter Aufzug. Beziehen.
Die Züge rattern lärmend am Fenster vorbei und du hast deswegen ganz laut geträumt. Sie rattern und pfeifen und rattern und morgen rattern wir beide in getrennte Richtungen davon. Bei mir der Impuls, das Fenster zuzumachen, damit wir lieber in unserem eigenen Muffel leise träumen können, anstatt schon heute dieses Rattern hören zu müssen…

Sechster Aufzug. Den gibt’s ja eigentlich gar nicht.
Der Zug ist abgefahren. Und was, wenn er doch nur Verspätung hat?

Manchmal verstehe ich nur Bahnhof. Dann fahre ich los. Theoretisch gern auch ohne, praktisch immer mit Gepäck.

Der Witz am Zugfahren ist, irgendwann kommt man irgendwo an. Zum Beispiel in Strizivojna-Vrpolje.

Let’s build bridges. Unmelodischer Popsong des interkulturellen Lernens.

Strophe:
Womit ich mich beschäftige? Mit Horizonterweiterung natürlich. Ich stehe morgens auf, reibe mir den Schlafsand aus den Augen, und während ich mich bemühe, die müden Augen offen zu halten – weite ich den Blick für das Neue!

Refrain:
Let’s sing. Let’s communicate. Let’s be creative.

Strophe:
Womit ich mich beschäftige? Mit Brückenbau natürlich. Ich trinke ein Bier mit einer Freundin,wir bauen eine Brücke aus Bierdeckeln, und dann, beim Bridgespiel – bauen wir eine Brücke der interkulturellen Freundschaft!

Refrain:
Let’s move. Let’s dance. Let’s share ideas.

Strophe:
Womit ich mich beschäftige? Ich setze mich hauptberuflich für den Frieden auf der Welt ein. Dafür ist es wesentlich, Menschen, die verschiedenen Kulturen, das heißt, verschiedenen Nationen, angehören, also Menschen, die daher in ihrem Wesen vollkommen unterschiedlich sind, zusammenzubringen, damit sie lernen können, dass auch die anderen, obwohl sie in ihrem Wesen vollkommen anders sind, und zwar, weil sie einer anderen Kultur, das heißt, einer anderen Nation angehören, nett sind, dass das Fremde und Abartige auch spannend sein kann. Nur so können wir die Welt Schritt für Schritt verbessern, Stück für Stück ins Friedensglück. Wenn Menschen Brücken mit dem Fremden bauen, können sie ihren Horizont erweitern. Wenn Menschen als Repräsentantinnen und Repräsentanten ihrer Nationen miteinander Teambuildingspielchen spielen, ist es, als würde irgendwo ein Lichtelein angezündet werden.

Refrain:
Let’s be tolerant. Let’s get together. Let’s be peacebuilders.

Strophe:
Womit ich mich beschäftige? Och, manchmal, da guck ich morgens aus dem Fenster, zum Horizont, und sehe ein paar Angehörige total unterschiedlicher Nationalkulturen über die Brücke spazieren. Und während ich mir mein NGO-Shirt überstreife, denke ich mir, ach, wär‘ die Welt nicht schön, wenn diese Menschen jetzt kommunizieren, singen und zusammen kreativ sein würden, ach, wäre dann nicht im Grunde alles gut?

Bridge:
Wenn Menschen andere Menschen als Repräsentantinnen und Repräsentanten ihrer Nationen miteinander Teambuildingspielchen spielen lassen, national gedachte Konzepte von Kultur verfestigen, Unterschiedlichkeit nur kulturell denken und die ganze verdammte Kompliziertheit dieser Welt übertünchen – ist es, als würde irgendwo ein niedliches kleines Katzenbaby getötet werden. Horizont erweitern und ab ins Friedensglück – ohne auch nur einmal auf Machtverhältnisse hinzuweisen und auf die Trennlinien, die sie schaffen? Na danke, da hab ich lieber Schlafsand in den Augen. –

Refrain:
Let’s celebrate. Let’s take each others‘ hands.Und dann lasst uns alle zusammen saufen und einander abschleppen und dann lasst uns alle zusammen kotzen. Intercultural drinking and fucking, vomiting for peace. Let’s be creative!

Outro:
Ich starre den interkulturellen Horizont an und mag ihn ja auch irgendwie. Aber diesen blöden, vereinfachenden, beschönigenden, vertuschenden, stereotypisierenden Blick, den werfe ich aus dem Fenster. Und bin gespannt, was es dann noch so zu sehen gibt da draußen. –
Wenn das so einfach wäre!